“Esst mehr Äpfel” versus “Faire Preise”

Ja, er ist schon vorbei, der große Aufschrei der Politiker und Medien in Folge der russischen Importbeschränkungen.  Noch immer aber kursiert in meinem Umkreis folgende Aussage:

Wir müssen mehr Äpfel essen, damit wir unsere Landwirtschaft unterstützen! 

Was ich dazu dann dazu gefunden habe als ich es genauer wissen wollte hat mich erstaunt. Das mit Lebensmitteln politische Panikmache betrieben wird ist nichts Neues.

Das wir uns aber nicht mal mit Äpfeln selbstversorgen könnten steht nicht in der Zeitung.

Gefühltermaßen leben wir ja im Land der unendlichen Möglichkeiten. Weite Felder. Ausgedehnte land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen. Man hört von Milchseen und Butterbergen. Von Lebensmittelmüll. Und eben von den vielen Äpfeln die momentan NICHT nach Russland verkauft werden können.

Bei Äpfeln erreicht Österreich tatsächlich einen Versorgungsgrad von 91 %. Im Klartext: Österreich importiert mehr Äpfel als es exportiert. (Das einzige Obst überhaupt wo wir eine Überversorgung erreichen scheinen Kirschen und Weichseln zu sein). Die Versorgungsbilanz der Statistik Austria könnt ihr hier öffnen.  Anderen EU-Länder geht das zugegebenermaßen anders! Allerdings haben deren Landwirtschaftsminister die Einwohner auch nicht zum Äpfelkonsum aufgefordert.

Obwohl wir also weniger Äpfel haben als wir benötigen lassen heuer einige Landwirte das Obst auf den Bäumen und in den Plantagen.  Das Ernten zahlt sich nicht aus. Warum?  Weil der Erntehelfer und die Logistik mehr Geld kosten als der Landwirt unterm Strich für das Obst bekommt.  Und ehrlich: wenn ich draufzahlen müsste um mein Obst loszuwerden, dann würde ich es auch am Baum hängen lassen. Aktionen wir “Rettet die Äpfel”  finde ich gut – sie gehen aber am Gesamtproblem vorbei.

Dazu möchte ich mir gar nicht überlegen, wie viele Äpfel der Bäume in Hausgärten, und Strassenbegleitpflanzungen sowieso NIE beerntet werden! (Damit dürfte klar sein: die ausgewiesene Produktionsmenge der Statistik Austria enspricht sicher nicht dem, was in Österreich an Äpfeln auf den Bäumen wächst, sondern nur dem was auch tatsächlich auf den Markt gebracht und statistisch erfasst wurde.) Zusammen mit dem Wissen, dass Landwirte von der EU fürstlich dafür entlohnt wurden ihre Bäume umzuschneiden und kein Obst mehr anzubauen stinkt das zum Himmel.

Und warum regt mich das jetzt so auf?

1) der Umweltgedanke: Es mag naiv sein, aber es ist ziemlich unsinnig alles was man mengenmäßig aus dem Land geschickt hat wieder reinzuholen. Mag ja sein, dass es im Frühjahr keine frischen Äpfel gibt, nur ist die Lagerhaltung schon so gut, dass ich fast keinen Unterschied zu den im September verkauften feststellen kann! Dieses CO2 lässt sich sparen.

2) die Arbeitsplätze:  Wenn ich selbst Äpfel auflese, wasche, sortiere, verarbeite, kann ich gar NIE soviele Äpfel pro Stunde auflesen und kundengerecht verpacken, dass ich einen marktkonformen Preis erreiche. Und da habe ich noch gar nicht berücksichtigt, dass ich dafür erstmal Land brauchen, plus den Geld- und Zeiteinsatz der notwendig ist um einen Apfelbaum bis zum Tragen zu begleiten.
Ein hoher Automatisierungsgrad beim Waschen und Verpacken macht die derzeitigen Preise erst möglich. Erntehelfer sind kaum mehr gefragt, und sie verdienen oft einen Lohn, für den die meisten Mittelklasseverdiener nicht mal aus dem Bett aufstehen würden.

3) der Automatisierungsgrad entfremdet Produzent und Konsument: Wenn ich aber als Landwirt meinen Kunden gar nicht mehr zu sehen bekomme und auch mein Produkt kaum mehr in der Hand haben muss -> wie groß ist die Gefahr dann eher auf Konzernforderungen einzugehen? Nur mehr Äpfel zu verkaufen die Standardmaße haben. Und Standardgeschmack. Mit Standardspritzmitteln und Standardhaltbarkeitsbeschichtung?  Denn als Produzent bin ich dem Konsumenten keinerlei Rechenschaft mehr schuldig. Ich verkaufe an eine graue, anonym bleibende Masse. Ohne Rückmeldung.

4) der Preis: Kluge Äpfel bekomme ich derzeit im Supermarkt um EUR 0,85 pro Kilo. Der Durchschnittspreis den ein Landwirt im Jahr 2013 für 1 kg Äpfel Klasse I bekommen hat liegt bei EUR 0,53. Industrieäpfel lagen bei 14 ct – für heuer habe ich keine Zahlen, kolportierterweise für Industrieäpfel 4-6 ct.
Ein fairer Preis sieht tatsächlich anders aus. Im Bereich Bio-Landwirtschaft bekommt man die Äpfel um in etwa 2-3 EUR pro Kilogramm direkt ab Hof. Was der Preis wäre der tatsächlich notwendig wäre um ein gutes Produkt mit echten Menschen herzustellen?  Keine Ahnung denn:

5) das Fördersystem: leisten können sich das die meisten Landwirte nur, weil sie aus diversen Töpfen hohe Förderungen bekommen. Sowohl für den Anbau, die Anbauweise, als auch manchmal Ausgleichszahlungen für Ernte die NICHT eingebracht wird.

Was wir brauchen ist ein geändertes Kaufverhalten!

Ja, ich geb zu, das ist schwierig. Wer zahlt gerne 3 EUR pro Kilo wenn er’s auch um 50 ct kriegen kann?  Das Bewusstsein was das echte Problem ist, ist nicht vorhanden. Und das Problem ist nicht, dass wir in Österreich zu viele Äpfel hätten.  Mit dem Kassenzettel bestimme ich täglich/wöchentlich welche Produkte die Märkte einkaufen.
Also verzichte ich auf importiere Waren. Kaufe österreichische Produkte.  Falls möglich direkt vom Bauern. Und wenn sich mir viele Leute anschliessen, dann werden die Landwirte in den nächsten Jahren auch die Äpfel vom Baum holen können, die sie heuer dort verfaulen lassen.

Habe ich etwas falsch verstanden oder bist Du anderer Meinung?  Dann schreib mir gern einen netten Kommentar.  Ich möchte über alle Gesichtspunkte dieses Problems nachdenken können!

Veröffentlicht unter Allgemein
One comment on ““Esst mehr Äpfel” versus “Faire Preise”
  1. Doreen sagt:

    das hast Du schön analysiert, claudia. und deine 5 aufregerpunkte sind schlüssig und führen genau zu dem schluss, zu dem ich auch komme: ich kaufe äpfel bei meinem apfelhändler von vor den toren der stadt oder pflücke sie in dessen plantage mit allen kids. der beweis: mein blogpost hier: http://insiderin.de/2014/10/selbstgepflueckte-aepfel-aus-dem-apfelparadies/

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